Ulrike Riebel & Roger Rohrbach

Interview Sonderausgabe Art Cologne M-OFF 2024

Kurator:innen – Ulrike Riebel & Roger Rohrbach

Roger Rohrbach [RR]: Welche Arbeit ist jetzt hier bei M-OFF zu sehen?

Isabella Fürnkäs [IF]: Bei euch gibt es ein Drawing aus der Reihe „La matière qui rêve“ - die Traummasse, die träumende Materie [...] es ist eine Serie von Zeichnungen, mit der ich 2020 angefangen habe. Verbunden mit einer Zeit, in der es auch viel um Träumereien und Ausflüchte ging. Alle Zeichnungen haben einen sehr individuellen Rahmen.

Ulrike Riebel [UR]: Was ist das für ein Rahmen, konkret bei dieser Arbeit hier? Mich erinnert dieser an ein Fenster, einen Ausblick, ein Flugzeugfenster.

[IF]: Ja, genau.

[RR]: Im Flugzeug gibt es leider nicht so schöne Farben. Mit welchem Material hast du gearbeitet?

[IF]: Das ist eine Art Pappmaché - nicht gebrannt - das angesprüht ist, sehr träumerisch.

[RR]: So funktionieren auch die Farben?

[IF]: Ja, genau. Das Metallische, sehr Science-Fiction-mäßig oder etwas Nebulöses, Wolkiges.

[RR]: Funktioniert das auch formal? Das Fenster, das Flugzeug, die Reise. Damit meine ich die Bewegung des Körpers beziehungsweise des Geistes.

[IF]: Man transportiert sich oder den Geist. Das sind alles Themen, die mich interessieren, wenn das rüberkommt, finde ich das gut. Wenn da „Chanel“ steht, ist das eine kleine, ja ein Augenzwinkern auf Wertigkeit und Ideen einer Marke. Was bedeutet Luxus? Was ist Luxus?

[UR]: Als Wunschvorstellung einen Besitz zu haben?

[IF]: Ja! Aber sehr subtil.

[RR]: Da verbinden wir uns sehr gut. Die Arbeiten und Ausstellungen, die du machst, der Humor und zeitweise auch etwas Reduziertes, wo man suchen und finden muss, das passt gut zu der kuratorischen Praxis und den Ausstellungen von uns. In der Arbeit hast du das Wort „Chanel" gezeichnet und die Bildunterschrift gibt die Information, dass du seriell gearbeitet hast. Wie sind die anderen Zeichnungen? Wie viele Zeichnungen hast du gemacht?

[IF]: Es gibt einige Zeichnungen. Ich arbeite manisch. In der Zeichnung geht es vor und zurück, es ist immer im Flow. Ich arbeite zeitgleich und zeitversetzt an mehreren Arbeiten.

[RR]: Ich mag die Arbeiten, bei denen man den Künstler:innen sehr nahekommen kann. Das ist etwas, was mich persönlich interessiert und was ich auch gerne ausstelle und so weitergebe, an ein Publikum. Ich empfinde das als ein großes Privileg, als ein Vertrauen von den Künstler:innen. In diesen Arbeiten sehe ich eine besondere Stärke, Qualität und Wahrheit. Deine Zeichnung hat so etwas [...]

[IF]: Das ist eine sehr reale Auseinandersetzung mit Themen, Störfaktoren, Gesellschaft, Gruppen, Individuen, ich bin da auch sehr ehrlich.

[RR]: Das mochte ich!

[IF]: Die Installationen sind überlegter, übergeordneter. Über die Zeichnungen ist es mir auch schwerer zu sprechen, weil sie passieren – „it happened“.

[UR]: Funktionieren die Zeichnungen dann eher wie eine Skizze vor den Installationen und Performances? Ein ausprobieren?

[IF]: Es ist ein geschlossener Schritt, der kann auch zu Installationen führen. Ich habe hier ein Bild aus dem Studio, vom Prozess. Ah, diese hier ist gerade gar nicht auf dem Foto. Es ist auch nicht dezidiert eine Auseinandersetzung mit Mode-Marken. Die serielle Arbeit folgt keiner strikten Richtung. Von „Hide & Seek“ habe ich an die fünfhundert Zeichnungen. Bei den „Insomnia Drawings“ gibt es bis zu tausend Zeichnungen.

[UR]: Inwiefern spielt es für dich eine Rolle, dass es eine so enorme Anzahl von Zeichnungen gibt?

[IF]: Also, das weiß ich nicht. Es geht da um einen Zustand zwischen Wachsein und Traum.

[RR]: Das ist auch hier in der Zeichnung? Mit der Assoziation des Flugzeugs? Ein Zwischenzustand? Auch Aufregung?

[IF]: Sehnsuchtsprojektion. Das Dazwischen sein ist etwas, was ich mag. Im leeren Blatt und einer Serie finde ich Freiheit. So löse ich mich auch von einem Einzelbild. Je nach Papier mache ich auch eine andere Serie. Hier die „Red Drawings“ auf dem Foto.

[RR]: Ah, wie schön.

[IF]: Die Serie ist vor über zehn Jahren entstanden. Jetzt bin ich da erneut reingegangen und habe rote Akzente gesetzt. Das war etwas, was für mich wichtig war, mit den verschiedenen Zeitlichkeiten umzugehen. Ältere Arbeiten zu sehen. Was interessiert einen daran noch?

[RR]: Wenn du später in Arbeiten reingehst, sind das dann Arbeiten, die bereits in Sammlungen sind? Arbeiten, die du herausgegeben hast – die in Ausstellungen zu sehen waren – aber, die nach wie vor bei dir im Studio sind? Oder sind das Arbeiten, die du noch nicht herausgegeben hast?

[IF]: Das sind eher Arbeiten, die ich noch nie gezeigt habe. Ich habe zwei sehr große Zeichenschränke, in Düsseldorf und in Berlin. Da sind ganz viele Zeichnungen drin, die ich noch nie gezeigt habe. Es ist alles geordnet und nach Jahren sortiert. Viele habe ich aus meinem Studium aus Zürich mitgenommen.

[UR]: Gibt es einen Grund, warum du die Zeichnungen noch nicht gezeigt hast?

[IF]: Ja, es gibt teilweise Arbeiten, die unverkäuflich sind. Es gibt Arbeiten, die so wichtig sind, die behält man besser.

[RR]: Wenn du in die Arbeiten nochmal reingehst, funktioniert das wie ein Kommentar? Kannst du die Gefühle, die du im Entstehen der Zeichnungen hattest, wiederfinden oder aufnehmen?

[IF]: Ja, das sind Schichten und Prozesse. Reinzugehen ist gut. Das Erinnern, als Teil einer Praxis finde ich wichtig. Ich schaue ältere Arbeiten an und finde einen Faden, an den ich anknüpfen kann. Ich finde es schön, die Inspiration nicht nur von außen zu nehmen, sondern im Inneren, in der eigenen Arbeit, aufzuspüren. Hier der Verweis zur Arbeit „The Memory House“, die ich letztes Jahr in der Galerie Clages gezeigt habe. Da greife ich gefundene Bilder aus dem Internet und kollektive Erinnerungen auf. Wem gehören diese Erinnerungen?

[RR]: In diese Arbeit hast du kunsthistorische Bezüge eingebunden, oder? Wie ist das bei der Arbeit, die wir hier bei M-OFF haben?

[IF]: Ja, genau. Das mache ich tatsächlich recht oft. Die Arbeit hat mit einem Sehnsuchtsmoment zu tun, was identitätsstiftend sein kann.

[RR]: Du hast zuvor das Wort „Identität“ angeführt. Wie verbindest du das mit der Marke „Chanel“?

[IF]: Manchmal möchte man die persönliche Identität mit einer kollektiven überschreiben. Man kennt die eigene Identität nicht, lebt sie nicht aus oder lehnt sie ab. Da funktionieren Marken als Mittel einer Überschreibung. In meiner Arbeit geht es auch immer um unterschiedliche Ausprägungen von Identität.

[RR]: Siehst du das als Bühne oder als Schutzraum? Wie kommentierst du das?

[IF]: Ich meine das nicht zynisch, auch wenn ein kleiner Piecks da ist. Persönlichkeit ist größer als das, was man sich kaufen kann.

[RR]: Ich habe Selma Gültoprak – du kennst ihre Arbeit, die wir in M-OFF besprochen haben – gefragt: Kann man Stärke kaufen?

[IF]: Ja, aber eigentlich nein. Es geht nicht um das Objekt selbst, sondern um die Energie. Es geht um etwas, was Sicherheit gibt. Ich erinnere mich an eine Geschichte, mit meiner Freundin aus der Grundschule. Wir haben kleine Ringe und Accessoires gesammelt und sie getragen. Das hat uns verbunden und unbesiegbar gemacht. Wenn man zusammen ist, sich zusammen fühlt, ist man immer stärker.

Ulrike Riebel, Roger Rohrbach & Isabella Fürnkäs for M-OFF Takeover, Art Cologne 2024