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Interview Heinrich Heine University - Reframe 01.2025
Mode und Identität? Was bedeutet das für dich?
Für mich sind Mode und Identität untrennbar miteinander verbunden; das eine kann ohne das andere nicht existieren. Kleidung ist eines der wichtigsten Mittel, durch welches Identität und Zugehörigkeit in ihrer äußeren Form zum Ausdruck kommt – sei es die kulturelle Zugehörigkeit oder die eines eigenen individuellen Selbstverständnisses. Andererseits kann die Identität natürlich auch durch das Experimentieren mit verschiedenen Stilrichtungen neu erkundet und beeinflusst werden.
Besonders in der heutigen fragmentierten postmodernen Gesellschaft, die von zweidimensionalen Bildern (Fotografien, Videos, soziale Medien) geprägt ist, ist Mode, die wir tragen und die Art, wie wir uns stylen, ein Zeichen an die Außenwelt – sie signalisiert, wer wir sind, welches Milieu und welcher sozialen Schicht wir angehören, welche Aspirationen wir haben – und vor allem, als wer wir wahrgenommen werden möchten.
Identität ist nicht mehr so einfach definiert durch unseren Geburtsort, unsere Eltern oder unseren Beruf – daher ist Mode auch nicht mehr nur eine praktische Folge unseres sozioökonomischen Kontexts. Mode ist selbst zu einer eigenen visuellen Sprache geworden. Heutzutage können wir durch die Manipulation unseres äußeren Erscheinungsbildes werden, wer wir sein wollen - oder vermeintlich vorgeben, eine Person sein zu können, die wir äußerlich abbilden.
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Was hat dich zu „Unpredictable Liars“ inspiriert und warum hast du diesen Titel gewählt? Gab es ein bestimmtes Erlebnis oder einen künstlerischen Einfluss, der den Grundstein für das Projekt gelegt hat?
Die Unpredictable Liars setzen sich mit den fließenden Grenzen zwischen Fiktion und Wahrheit, Konstruktion und Realität auseinander. Der Titel verweist auf die Unvorhersehbarkeit von Narrativen, auf die Art und Weise, wie sich Identität in einer zunehmend fragmentierten Welt der Oberflächen konstituiert – durch Inszenierung und Manipulation von visueller Identität.
Inspiration für dieses Projekt war nicht unbedingt ein einzelnes Erlebnis, sondern vielmehr die permanente Interaktion zwischen Wahrhaftigkeit und Täuschung in unserem alltäglichen Leben, auch bzw vor allem in den digitalen und sozialen Medien. In einer Zeit, in der eine illusorische Selbstinszenierung immer mehr zur Norm wird, hinterfrage ich die Mechanismen, die unsere Wahrnehmung von Authentizität im Kontext von Mode und Identität bestimmen.
Künstlerische Einflüsse finden sich vor allem in Literatur, Popkultur und in künstlerischen Werken, die das Spannungsfeld zwischen Realität und Illusion, zwischen Intimität und Entfremdung bestimmen. Dabei spielen sowohl filmische als auch literarische Referenzen eine Rolle, ebenso wie performative Strategien, die mit dem Unausgesprochenen und dem Flüchtigen arbeiten, in Form der Sounds. Die Unpredictable Liars sind somit nicht nur ein Kommentar zur Konstruktion von Identität, sondern auch eine Reflexion über die Brüchigkeit von Wahrheiten in einer Zeit der stetigen Selbstverwandlung - die Frage nach Schein und Sein.
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Wie lange dauert es in der Regel, eine deiner Skulpturen zu vollenden, und gibt es einen bestimmten Moment, in dem du sicher bist, dass das Werk abgeschlossen ist?
Der Entstehungsprozess meiner Skulpturen ist nicht linear und folgt keiner festen Zeitspanne – manche Arbeiten nehmen Wochen oder Monate in Anspruch, während andere sich fast intuitiv in kürzerer Zeit formen. Der Arbeitsprozess ist für mich ein Dialog mit dem Material, eine Art taktile Verhandlung, in der sich Strukturen, Fragilität und Widerstand im Prozess selbst erst offenbaren.
Der Moment, in dem eine Skulptur als abgeschlossen gilt, ist oft schwer zu bestimmen. Es gibt kein klares Ende, sondern eher einen Punkt, an dem die Arbeit nicht weiterdrängt, an dem sie eine eigene Präsenz entfaltet und nichts weiter hinzugefügt oder entfernt werden muss. Dieses Gleichgewicht zu erspüren ist weniger eine rationale Entscheidung als ein Gefühl der Stimmigkeit – ein Innehalten, in dem das Werk für sich selbst anfängt zu sprechen.
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In „Unpredictable Liars“ setzt du dich mit der Fragmentierung von Identität auseinander. Wie definierst du in diesem Kontext „Identität“, und warum ist dieses Thema so zentral für deine Arbeiten?
Identität ist für mich etwas an sich Fluides. Etwas, das sich nicht eindeutig festlegen lässt. Durch meine Kindheit und Jugenderfahrungen in Japan und meine deutsch-französischen Wurzeln habe ich früh erfahren, dass Identität nicht eine fixe, sondern eine verhandelbare Größe ist – ein Prozess der ständigen Anpassung, Übersetzung und Neudefinition. Die kulturellen Zwischenräume prägen meine Arbeit und mein Verständnis von Identität sehr – ich nehme sie wahr, als etwas Fragmentiertes, das sich aus Sprache, Erinnerung, sozialen Codes und Sehnsüchten zusammensetzen lässt.
In Unpredictable Liars thematisiere ich diese Vielschichtigkeit: Wie wird Identität in einer Welt geformt, die von digitalen Bildern, Konsum und Erwartungshaltungen durchdrungen ist? Wie viel von dem, was wir als uns selbst begreifen, ist Projektion – und wie viel davon ist eigentlich authentisch und noch greifbar? Ich sehe Identität als einen Zustand der Verwandlung, in dem Illusion und Realität eng miteinander verwoben sind. Dieses Spannungsfeld ist zentral für meine Arbeiten, weil es den Kern unserer existenziellen Verortung berührt – das Ringen um Authentizität und Intimität in einer Zeit, in der alles zur visuellen Oberfläche werden kann.
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Wie hat sich deine Perspektive auf Identität und Authentizität im Laufe der Zeit entwickelt? Auch im Hinblick auf deine fortlaufende Arbeit an „Unpredictable Liars“ und die Resonanz auf deine Werke?
Mit der Arbeit an Unpredictable Liars, die ich seit 2017 in vielen Ausstellungskontexten gezeigt habe, wurde mir immer bewusster, dass das Thema der Selbstinszenierung einen sehr hohen Stellenwert in unserer jetzigen Gesellschaft einnimmt. Die Resonanz auf meine Werke zeigt mir, dass viele Betrachter diese Spannung zwischen Täuschung und Authentizität ebenso spüren. Oftmals gibt es zum Thema der Verhüllung und der Uneinsichtigkeit der Persönlichkeit in den Arbeiten etwas, was fast als etwas Bedrohliches wahrgenommen wird. Dabei denke ich, ist es eine Strategie, die im digitalen Raum ohne Unterlass praktiziert wird.
Ich denke, Identität in der Mode ist ein Konzept, an das sich glauben lässt – es ist wie ein instabiles Konstrukt, geprägt von sozialen und medialen Begierden und Wünschen – als verzerrter Spiegel unserer Zeit. Mich interessiert hierbei nicht die Frage, was wahr oder echt ist, sondern vielmehr, welche Mechanismen Identität formen und diese verschieben können. In meinen Arbeiten untersuche ich diese Zwischenräume, in denen das Selbst brüchig, instabil und gleichzeitig fluide wird – ein Moment, in dem sich Identität nicht nur zeigt, sondern sie auch entzieht – eine Befragung der Mechanismen, die unsere Selbstbilder formen.
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Arbeitest du bereits an neuen Projekten, und planst du, „Unpredictable Liars“ weiterzuentwickeln?
Momentan arbeite ich an einigen neuen Projekten, die sich weiter mit den Themenfeldern von Intimität und Identität in unserer heutigen Realität auseinandersetzen. Die Unpredictable Liars bleiben hierfür zentral als Mittel zur Reflexion der Selbstinszenierung und der weiterführenden Suche nach Identität, ich sehe sie als ein offenes Konzept – und plane, sie in neuen Kontexten stetig weiterzuentwickeln.
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Melina Papadopoulos & Isabella Fürnkäs on Unpredictable Liars, published in Reframe 01.2025